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15.12.2017 : 5:09 : +0100

Die Böse Gute. Herz aus Gift von Andrea Funk am Rationaltheater

Sinikka Schubert

(Kritik von Carl Ansberg 07.01.2012, siehe auch: http://carlansberg.wordpress.com/2012/01/08/herz-aus-gift/)

Auf einer verwegenen Annahme basiert Andrea Funks neues Stück, kürzlich uraufgeführt am Münchner Rationaltheater: was wäre wenn Gesche Gottfried, die 1831 in Bremen hingerichtete Serienmörderin, hier bei uns ein neues Leben beginnen könnte? Und weiter angenommen, für alle Zeiten weggesperrte "zeitgenössische" Täter wie Myra Higgins oder Jürgen Bartsch wären zu ihren Taten vernehmbar? Daraus entspinnt sich eine fesselnde Kriminalgeschichte mit menschlichem Tiefgang. Die Spannung bezieht das Stück aus der Gegenüberstellung von Gesches Neuanfang mit dem vorgefundenen Realität, sie sucht mithilfe einer Partnervermittlung nach einem Mann fürs Leben.


Die junge Regisseurin Lina Hölscher hat sich entschlossen, Psychologie und Emotionen beiseite zu lassen und Andrea Funks Texte in einer Art strengem Figurentheater wirken zu lassen. Die Interviews mit den Massenmördern werden als kleine Filmausschnitte auf die Rückwand der Bühne (Ausstattung: Jonäid Khodabakhshi und Michael Matiu) projiziert. Mit wenigen Lichtwechseln gelingt es, auf der Mini-Bühne des Rationaltheaters erkennbare Räume zu schaffen und so die Szenen voneinander abzugrenzen. Es entsteht eine Art Laboratorium, in dem die Menschen wie unter dem Mikroskop neben- und zueinanderstehen. Die paar Requisiten - ein Drehstuhl, ein Eimer Erde, 10 Hemdchen - stören da nicht weiter. Lina Hölscher vermeidet geschickt alles Gehample und die Schauspieler setzen das auch um. Allen voran natürlich Sinikka Schubert, die als Gesche Gottfried die physisch spürbare potentielle Gefährderin gibt. Sie ist wechselhaft, zart und leise, schnell und zischelnd und manchmal auch beängstigend laut und bestimmt. Und trotz alledem wunderschön, sexuell anziehend, mitleiderregend und beschützenswert. Ihr Widerpart ist die Leiterin der Partnervermittlung, Irina von Kuck, gespielt von Maike Specht: eine beherrschte, berechnende Frau, die dem einmal geschöpften Verdacht unerbittlich folgt. Maike Specht gibt die Chefin mit metallischen Tönen in der Stimme, klar und rein, stets drauf bedacht, die Fäden in der Hand zu halten, die ihr später natürlich entgleiten müssen.


Die Männer sind leider zu kurz gekommen an diesem Abend. Sie sind ziemlich flächig gezeichnet und chargieren stark, dadurch entsteht manchmal unfreiwillige Komik. Der heimliche Held des Stücks, Mattes, Sekretär in der Heiratsvermittlung, gespielt von Timocin Ziegler etwa, für den am Ende die Frage offen bleibt ob die Liaison mit Gesche ihm nun Freiheit oder neue Abhängigkeit bringt: bubenhaft anstellig torkelt er durch die Szenen, von einer Frau zur Anderen, von einer Watschn zur Nächsten. Zieglers gequälter Blick und Körperhaltung rührt den Zuschauer, in diesem Stellungskampf wird er wohl wieder der Verlierer sein? Christopher Goetzie, der als Ermittler Kross wie ein verbal voyeuristischer Lüstling daherkommt, hätte man sich als ausgewachsenen, dominanten Mann gewünscht - es sei aber gesagt, daß Goetzie in dem schmierigen, triefenden Gestus, den er Kross gibt eine große schauspielerische Leistung glückt.


Es ist schon eine Überraschung, am Rationaltheater, eher bekannt durch Kabarett, Musik, Varieté und Themenabende professionelles Theater vorzufinden. Nachgewiesen ist hier jedoch: der kleine Raum eignet sich gut für solche Off-Off-Produktionen. Alles in Allem ein durchaus gelungener Abend, von dieser Autorin, diesem Ensemble - und diesem Spielort - wollen wir mehr sehen.

Herz aus Gift - Lina Hölscher

Sinikka Schubert, Christopher Goetzie, Timocin Ziegler

Von Marie Golüke, 07.01.2012; siehe: https://theatertogo.wordpress.com/2012/01/07/herz-aus-gift-lina-holscher/

 

Eines vorweg: Ja ich stehe bei diesem Stück unter den Mitwirkenden, bin aber nur in einer Filmszene zu sehen und habe an der restlichen Inszenierung nicht mitgewirkt, noch sie vor der Premiere gesehen. Meine eigene Szene werde ich natürlich nicht kritisieren. So und nun zum Stück.


Lina Hölscher hat schon bei Hasse Karlsson bewiesen, dass sie inszenieren kann. Nun stellte sie es einmal mehr unter Beweis. Hintergrund des Stückes von Andrea Funk ist die Geschichte von der Serienmöderin Gesche Gottfried, die von 1813-1828 fünfzehn Menschen durch Gift ermordet hat, darunter auch ihre eigene Familie. 1828 wurde sie verhaftet und öffentlich hingerichtet.

Das Theaterstück spielt nun mit dem Gedanken, was passiert wäre, wäre Gesche nicht hingerichtet worden. Was wäre wenn sie aus ihrer Zeit entflieht und versucht ihre Taten hinter sich zu lassen um einen Neuanfang in einer deutschen Kleinstadt zu starten. Sie meldet sich bei einer Heiratsvermittlung an. Mattes, der dort arbeitet, verliebt sich in sie und wird in unabsehbare Dinge mithineingezogen. Heinz Kross, ein Klatschreporter, versucht Gesche auszuhorchen. Gesche kann von ihren Mustern nicht ablassen und so nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Andrea Funk fügt noch zwei weitere Serienmörder in ihr Stück mit ein, Jürgen Bartsch und Myra H. Von ihnen werden original Zitate eingebaut, so bekommt die Geschichte noch einmal eine ganz neue Brisanz, da Myra H. bis 2002 lebte. Auch heute sind die Nachrichten mehr denn je mit Mordtaten durchflutet. Letztes erschreckendes Beispiel war der Massenmörder Breivik aus Norwegen. Wir alle können uns an die Bilder im Fernsehen erinnern. Warum tut jemand so etwas? Im Fall von Breivik wurden die Gründe geklärt, im Fall von Gesche Gottfried versucht das Stück und die Inszenierung Antworten zu finden und gräbt sich in ihre Gedanken.

Lina Hölscher macht aus dem Theaterstück eine Mischung aus packendem Krimi und menschliches Drama.

Sinikka Schubert lotet alle Fassaden von Gesche Gottfried aus und das waren einige gewesen. Man müsste sie eigentlich mal fragen, ob sie die Gründe der Morde ihrer Figur gefunden hat. Wer weiß schon was in solch einem Menschen vor sich geht, vielleicht ist Sinikka Schubert durch ihre Darstellung der Gesche dem ein bisschen näher gekommen. Aus ihrer Spielweise, könnte sich das durchaus ableiten lassen. Sie spielt emotional und macht den Eindruck, dass sie die Figur und ihre Geschichte lebt. Maike Specht, die in Hasse Karlsson ihre mütterliche Seite zeigte, wurde hier zur alternden Chefin der Heiratsvermittlung, die mit schwarzem Humor und Sarkasmus besticht. Christopher Goetzie sah man seine begonnene Ausbildung an einer Schauspielschule an. Er ging so in der Rolle des etwas zurückgebliebenen Klatschreporters auf, dass sogar die Bewegungen seiner Fingerspitzen zur Figur passten! Timocin Ziegler, der Mattes spielte, ging leider etwas unter. Entweder waren die anderen zu stark oder er zu schwach in seiner Figur. Als eine der Hauptfiguren hätte ich ein bisschen mehr erwartet.

Mit wenig Mitteln und Requisiten wurde die Welt der Gesche dargestellt. Stellwände, Teppich und Blumenerde….und Butterstullen! Ich bin nicht einmal ausgestiegen und es wird einem nicht langweilig. Die großartige schauspielerische Leistung und auch die gesamte Inszenierung schaffen es, dass man gepackt wird von der Geschichte und sich fragt WARUM? Gesche spielt Gott. Sie entscheidet wer leben darf und wer nicht. Was muss man in sich tragen bzw. erlebt haben, um so einen Hass auf die Menschen zu haben. Die einzige Antwort die Gesche dazu hat ist, dass faule Kartoffeln von den gesunden getrennt werden müssen!

Es lohnt sich auf jeden Fall noch hinzugehen, denn einmal mehr hat Lina Hölscher bewiesen, dass sie es versteht die Figuren herauszuarbeiten und ein gesamtes stimmiges Bild zu erzeugen in dem wunderbare Geschichten erzählt werden.

Weitere Vorstellungen am 8.1 und 15.1.2012 im Rationaltheater an der Münchner Freiheit.

„Es sind die Frauen, die Leben geben können. Und es sind die Frauen, die Leben nehmen können.“